Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari

Buchrezension: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Zum Jahresbeginn 2020 habe ich beschlossen, dass ich das Leben etwas besser verstehen möchte. Ich weiß, dass das ein schwieriger Neujahrsvorsatz ist, aber ich denke es ist ein wichtiger – besonders dann, wenn wir an andere Lebewesen, die Erde und den Klimawandel, das Universum und den Wert des Lebens denken.

Um mir bei der Erfüllung meines Vorsatzes Unterstützung zu holen, habe ich mich unter anderem dazu entschieden, mehr zu lesen. Wer mich kennt weiß, dass ich keine Romane mag. Vielmehr interessieren mich sachliche Bücher, Naturwissenschaften, Psychologie und Philosophie. Genau das Richtige also, um meinem Ziel näher zu kommen. Daher haben es die Bestseller des Historikers Yuval Noah Harari in mein „Bücherregal“ geschafft und ich habe zunächst „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ gelesen.

Über die kognitive, landwirtschaftliche und wissenschaftliche Revolution

In „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ legt Harari die Entwicklungsgeschichte des Homo Sapiens von den Anfängen bis ins Hier und Jetzt chronologisch, nachvollziehbar und sehr aufschlussreich dar. Genau genommen behandelt er dabei all die Themen, mit welchen wahrscheinlich viele von uns während der gesamten Schullaufbahn sowie auch während des Studiums (zumindest oberflächlich) konfrontiert werden. Der Unterschied: Aus Fakten und Erkenntnissen der Biologie, Evolutionstheorie, Physik, Geografie, Archäologie, Geschichte, Religion, Mathematik, Wirtschaft und Psychologie werden logische Zusammenhänge hinsichtlich der Entwicklung des Menschen hergestellt. Faktenreich, aber nicht überfordernd erläutert der Autor, wie sich der Mensch zur (vermeintlichen) Krone der Schöpfung entwickeln konnte und warum wir heute so leben, wie wir leben.

Das Buch ist grob gegliedert in die kognitive, landwirtschaftliche und wissenschaftliche Revolution. So erörtert Harari aus darwinistischer Sicht, wie und warum sich das Gehirn des Homo Sapiens so weit entwickeln konnte, dass wir Sprachen sprechen, abstrakt denken, Texte schreiben, Dinge erfinden und selbst erschaffen können – und warum andere Lebewesen dazu nicht in der Lage sind. Dem Leser wird unter anderem bewusst, dass bereits vor zehntausenden von Jahren intelligente Fähigkeiten des Homo Sapiens dazu geführt haben können, dass Arten verdrängt worden oder gar ausgestorben sind. Zum Beispiel vor ca. 45.000 Jahren als der Homo Sapiens zum allerersten Mal das afrikanisch-asiatische Festland verließ und australischen Boden betrat:

„Die australischen Riesensäugetiere hatten jedoch keine Zeit, sich auf die effizienten Jäger einzustellen. Menschen wirken nicht sonderlich bedrohlich, sie haben keine scharfen Zähne und keinen besonders muskulösen Körper. […]. Diese Tiere mussten erst Respekt vor den Menschen entwickeln, aber ehe sie dazu kamen, waren sie bereits ausgestorben.“ (Harari, 2015, S. 91).

Außerdem geht der Universalhistoriker der Frage nach, wann und wie sich Jäger und Sammler zu sesshaften Bauern verwandelten und welche Rolle der Glaube dieser Menschen gespielt haben könnte. Interessant finde ich im Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Revolution den Gedanken, dass der Beginn der Landwirtschaft nicht unbedingt bessere Lebensumstände nach sich zog und eine Luxusfalle für den Menschen gewesen sein könnte, der von verschiedenen Pflanzenarten domestiziert wurde.

„Wir denken und fühlen bis heute zwar wie die Jäger und Sammler, doch wir ernähren uns wie die ersten Bauern. […]. Mit der landwirtschaftlichen Revolution nahm zwar die Gesamtmenge der Nahrung zu, doch die größere Menge an Nahrungsmitteln bedeutete keinesfalls eine bessere Ernährung oder mehr Freizeit. […]. Die Schuldigen waren eine Handvoll Pflanzenarten, zum Beispiel Weizen […]. In Wirklichkeit waren es diese Pflanzen, die den Homo Sapiens domestizierten, nicht umgekehrt. Nach den Überlebens- und Fortpflanzungsgesetzen der Evolution ist der Weizen damit eine der erfolgreichsten Pflanzenarten aller Zeiten. […]. Weizen kann sich nicht vor anderen Organismen wie Kaninchen und Heuschrecken schützen, die ihn gern fressen, weshalb die Bauern ihn schützen mussten. Weizen ist durstig, also schleppten die armen Sapiens Wasser aus Quellen und Flüssen herbei, um ihn zu bewässern. Und der Weizen ist hungrig, weshalb die Menschen Tierkot sammelten, um den Boden zu düngen, auf dem er wuchs.“ (Harari, 2015, S. 102-105).

Das Eingestehen der Unwissenheit und die dadurch entstandenen Wissenschaften, neuen Erfindungen und Technologien bilden den letzten großen Erzählstrang des Buches. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Teil auch die industrielle Revolution, die zu einer enormen Beschleunigung des Lebensstils sowie dem plötzlich ungewöhnlichen Überfluss an Produkten führte. Eine Konsequenz daraus: Der Konsumismus, welchen Harari als Religion bewertet, die auch gegenwärtig unsere Weltanschauung und Werte bestimmt.

„Als die industrielle Revolution das Problem des Mangels behoben hatte und sich plötzlich die Frage stellte, wer die ganzen Erzeugnisse eigentlich kaufen sollte, kam die revolutionäre Ethik des Konsumismus auf. Der Konsumismus bewertet den Konsum von immer mehr Produkten und Dienstleistungen positiv. […]. Der Konsumismus hat gesiegt. Heute sind wir alle brave Konsumenten. Wir kaufen unzählige Produkte, die wir nicht brauchen […].“ (Harari, 2015, S. 423-424).

Auch auf die Frage, ob uns all das glücklich macht geht der Autor ein. So wird das Thema Glück aus biologischer, psychologischer und buddhistischer Sicht durchleuchtet. Besonders gelungen finde ich seine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die auch an dieser Stelle mit gewohnter Rationalität und Direktheit beantwortet wird. So sind wir „nicht mehr als das Produkt eines evolutionären Prozesses, der ohne Zweck oder Ziel agiert. […] wenn die Erde morgen in die Luft fliegen sollte, würde das Universum wie gewohnt seinen Routinen nachgehen. Niemand würde uns Menschen mit unseren subjektiven Empfindungen vermissen. Daher ist jeder Sinn, den wir unserem Leben geben, reine Illusion“.

Mein Fazit

Das Buch ist trotz oder genau wegen der vielen Informationen super spannend. Es zeigt neue Perspektiven auf, lässt historische Entwicklungen und Ereignisse besser nachvollziehen und stellt Beziehungen zur Gegenwart und Zukunft her. Trotz der Komplexität und Vielschichtigkeit ist es sowohl gut verständlich, als auch unterhaltsam geschrieben, sodass ich den Spaß am Lesen nicht verloren habe. Freue mich schon jetzt auf „Homo Deus“!

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